Warum Kingdom Come so gut ist – vorerst

Offizielle Webpage https://www.kingdomcomerpg.com/de

Als ich mir vor kurzem das Spiel Kingdom Come: Deliverance zulegte, dachte ich „Ohoh… Bugs, schwere Steuerung, ein neues Gothic 3?“. Als ich dann den Startscreen sah und mir die Geschichte von Karl IV. und seinen Söhnen anhörte, schossen mir fast Tränen in die Augen. Der Grund warum ich mir das Spiel holte, war: Ich bin Theologe und Historiker. Also ist Kingdom Come: Deliverance ganz auf mich zugeschnitten. Zumal hab ich ein Seminar über diese Zeit besucht: Konziliarismus, Konzil von Konstanz, Hussitenkrieg, Jan Hus, Benedikt XIII, König Sigismund, usw. Also wäre eine kleine Analyse dieses Spieles, nach knappen 10 Stunden Spielzeit, angebracht.

 

Es ist der 1. Teil der Kingdom Come: Deliverance Serie.

(vorsicht Spoiler!)

 

Ich besorgte mir das Spiel aus dem historischen und theologischen Interesse heraus. Wie packen Spieleentwickler diese komplexe Zeit in ein PC-Game?

Das Intro beginnt interessant: Im alten Stil fliegen Illuminationen über den Bildschirm. Die Geschichte von Karl IV. und seinen Söhnen wird dargestellt. Interessanterweise wird König Sigismund, welcher unrechtmäßig auf den Königsthron gelangte, als äußerst negativ dargestellt. Er inhaftierte seinen wirklich sehr unbeliebten Halbbruder Wenzel von Luxemburg. Jedoch scheint die Bevölkerung positiv auf Wenzel zu sprechen zu sein. Vor der Inhaftierung Wenzels wollte der böhmische Adel unbedingt die Hilfe Sigismunds. Nachdem der ungarische König, Wenzel in den Kerker warf, hatte ein Teil der böhmischen Adels Mitleid mit ihm. Sie unterwarfen sich also König Sigismund nicht und begehrten gegen ihn auf.

Wenzel war aber nie wirklich beliebt gewesen. Das zeigt auch das Intro. Er war sogar de facto gar nicht mehr an der Macht. 1400 wurde er bereits von seiner Gefolgschaft abgewählt. Mit der Hilfe seines Bruders Sigismund wollte er Böhmen eigentlich zurückerobern. Doch sein Halbbruder hatte andere Vorstellungen.

Heinrich? 

Bis dahin ist geschichtlich alles Takko. Selten habe ich so eine historische Genauigkeit bei einem Spiel gesehen. In Skallitz angekommen dauert es nicht lange und plötzlich brechen Sigismund und die Tataren über das noch friedliche Dorf ein. Tataren? Welche? Es ist spannend, zu sehen, wie Heinrich mit der Information „Tataren“ umgeht. Für ihn sind es irgendwelche Tataren. Als Historiker stelle ich mir die Frage: Welche Tataren? Es gab hunderte von verschiedenen Tatarenvölkern. Ich tippe mal darauf, dass es sich im Spiel um Kumanen aus Ungarn handelt, da sie ungarisch sprechen.

Für Heinrich sind die Tataren die Tataren Sigismund. Irgendwelche Söldner die seine Eltern umbrachten. Heinrich will nur noch seine Eltern beerdigen und das Schwert seines Vaters an Herrn Radzig abgeben. Nicht mehr, nicht weniger. Eine total menschliche Reaktion, er muss erst mal mit seinen eigenen Gefühlen fertig werden. Erst dann beginnt die Reise in eine neue Welt.

Schwertkämpfe und Bogenschießen

Um nicht zu viel zu verraten und mir bisschen Material für die nächsten Artikel aufzubewahren, möchte ich noch einmal über den Schwertkampf sprechen. Die Schwertkämpfe sind gewöhnungsbedürftig. Die Zielausrichtung ist nicht einfach, mal hinten links schlagen, mal hinten rechts blocken. Und dann bloß aufpassen wie der Gegner steht. Finten, Ausweichen oder Kontern. Am Anfang ist das alles noch ganz einfach. Irgendwann jedoch kam der erste Fahrende Ritter und ich nur „Juhey – Geld“. Weit gefehlt. Der Ritter machte kurzen Prozess. Mir fehlt die nötige Ausrüstung und Übung, um diesen Kampf zu gewinnen. Das Schöne daran ist: Ich fühle mich wie ein Grünschnabel. Wenn ich dann doch einen Kampf gewinne, bin ich glücklich und fühle mich wieder König der Welt.

Dann kommt noch die Jagd. Das Spiel führt neben dem Bogenschießtraining in ein weiteres Tutorial. Das machte richtig Spaß. Die ersten 10 Schüsse gingen daneben. Danach trifft man doch einmal. Es ist eine Gefühlssache. Ich selbst war auch mal Bogenschießen und im Spiel fühlte ich mich wie auf dem Schießstand. Was ich mir wünsche, ist, dass Heinrich lernt durch den Pfeil die Schussrichtung zu bestimmen. Das klappt wundervoll, er muss es nur kennenlernen. Aber so weit habe ich nun auch nicht gespielt.

Was erwarte ich noch?

Story und Spielmechanik wurden super ineinander verwoben. Und das Spiel überforderte mich nicht. Auch wenn ich ab und zu mal auf die Nase bekam, habe ich gelernt, was die Entwickler mir unbedingt sagen wollten: Pass auf, du bist nur ein Mensch. Das spürte ich in jeder Phase des Spiels, ob ich Essen, Schlafen oder meine Wunden lecken musste, ich hatte immer das Gefühl, dass ich ein Normalsterblicher bin. Ich möchte, dass dieses Gefühl niemals abreist. Es vermittelt mir als Spieler das Gefühl, dass ich kein ESL-Gamer sein muss. Es entschleunigt das Spiel und macht es angenehm. Deswegen nimmt mich das Spiel ganz in die Kingdom Come: Deliverance-Welt ein. Hoffentlich wird das auch im Laufe des Spiels so bleiben.

Das schönste Erlebnis hatte ich, als ich mir das erste Kettenhemd leisten konnte. Zusätzlich sagten die Menschen ab jetzt „Herr Ritter“ zu mir. Es fiel mir sofort auf und ich dachte: Wow! Kleider machen Leute. Ich hoffe dieses Muster zieht sich durch.

Meine größte Angst besteht aber trotzdem darin, dass ich am Ende der „König der Welt“ bin und zum Helden oder Bösewicht avanciere. Ich will Heinrich bleiben. Und wo wir von Königen sprechen: Weitere historische Charaktere begegnen wären wundervoll! Ob Päpste, Kardinäle, Herzöge. Irgendwann will ich mich unter die Adeligen mischen können und einmal bei einem Bankett dabei sein. Aber nicht als Held, sondern als „Gleicher unter Gleichen“.

Alexander Radej


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